Alles Wichtige zu den Pipelines Nord Stream 1 und 2!

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Nord Stream 1: Gaslieferung von Russland nach Deutschland

Seit dem 2. September 2022 fließt kein Gas mehr durch Nord Stream 1. Und auch die im September 2021 fertiggestellte Pipeline Nord Stream 2 liefert kein Gas. Wir beantworten in diesem Artikel alle Fragen zu Nord Stream 1 und 2: Wie ist der Verlauf der Nord Stream Pipelines? Wird wieder Gas durch Nord Stream 1 fließen? Was bedeutet ein (permanenter) Lieferstopp für Deutschland? Was gibt es für Alternativen zu russischem Gas? Weitere Artikel zu interessanten Themen finden Sie in unserer Wissenswert-Rubrik.

Nord Stream Verlauf

Wie sieht der Nord Stream Verlauf aus?

Der Nord Stream 1 Verlauf beginnt in Wyborg, verläuft über 1.224 Kilometer durch die Ostsee und sie erreicht Deutschland in Lubin bei Greifswald. Sie verbindet die Gasfelder Juschno-Russkoje und Stockmann mit Deutschland. Dabei durchquert sie die Hoheitsgewässer Russlands, Dänemarks und Deutschlands.

Nord Stream 2 ist eine Pipeline, die neben der bereits gebauten Nord Stream 1 verläuft. Sie sollte die Gasmenge, die durch das Baltikum geleitet wird, auf 110 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verdoppeln und somit einen wertvollen Beitrag zur deutschen Energieversorgung leisten.

Nord Stream 2 lief parallel zum Projekt Nord Stream 1, welche bereits seit Ende 2011 auf dem Grund der Ostsee in Betrieb ist. Die Pipeline hat eine Länge von rund 1.230 km und verbindet Ust-Luga in Russland mit Greifswald im Nordosten Deutschlands.

Die Nord Stream 2 Fertigstellung erfolgte im September 2021. Zusammen könnten die Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 jedes Jahr 110 Mrd. Kubikmeter Gas nach Europa liefern; mehr als ein Viertel des gesamten Gases, das die Länder der Europäischen Union jährlich verbrauchen.

Wie abhängig war Deutschland von Nord Stream 1?

Laut Angaben der Bundesregierung betrug der Anteil russischer Lieferungen am Gas in Deutschland vor dem Angiff auf die Ukraine rund 55 %. Nord Stream 1 war dabei eine der zentralen Lieferrouten. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine Ende Februar 2022 wurden jedoch Maßnahmen ergriffen, um diese Abhängigkeit zu reduzieren.

  1. Die Inbetriebnahme der russischen Gaspipeline Nord Stream 2 wurde gestoppt, welche die nach Deutschland künftig importierte Menge an russischem Gas pro Jahr verdoppelt hätte. Nord Stream 1 wurde somit theoretisch noch wichtiger.
  2. Dank vermehrter Gaslieferungen aus Norwegen und den Niederlanden beispielsweise, sowie zusätzlichen Importen über LNG-Terminals sank der Anteil russischen Gases von 55 auf rund 35 Prozent.
  3. Dank fortlaufender Verträge mit alternativen Gasimporteuren soll die russische Abhängigkeit bis Jahresende noch auf 30 % gesenkt werden.
  4. Die vollständige Unabhängigkeit ist für Sommer 2024 geplant.
Rotes Warnungsdreieck mit weißem Ausrufezeichen

Jedoch führten auch Aktivitäten vonseiten Russlands dazu, dass der Anteil weiter reduziert wurde. So kam es bis Ende Juni aufgrund absichtlich reduzierter Lieferungen via Nord Stream 1 und zwischenzeitlichen Lieferstopps zu einem Anteil von 26 %. Durch mehrtägige Wartungen an Nord Stream 1 und die neuerliche Gasdrosselung sank der Anteil auf unter 10 % und seit dem 2. September liegt die Liefermenge über Nord Stream 1 sogar bei 0 %.

Wie kam es zum Stopp von Nord Stream 2?

Die aktuelle Situation von Nord Stream 2 (Stand März 2024) ergibt sich aufgrund der russischen Invasion der Ukraine. Deutschland hatte im Frühling 2022 Schritte unternommen, um das Zertifizierungsverfahren für die russische Gaspipeline Nord Stream 2 zu stoppen, nachdem der Westen wegen der Invasion in die Ukraine Sanktionen gegen Moskau ergriffen hatte. Nachdem außerdem im September 2022 Sprengsätze an der Pipeline explodiert sind, muss sie sowieso außer Betrieb bleiben.

Für die Nord Stream 2 Inbetriebnahme ist es erforderlich, dass die Tochtergesellschaft von Gazprom die Anforderungen an einen unabhängigen Übertragungsnetzbetreiber nach dem Energiewirtschaftsgesetz (§§ 4a, 4b, 10 bis 10e EnWG) erfüllt.

Nachdem die Betreiber von Nordstream 2 durch den russischen Angriff auf die Ukraine fast an den Ruin gebracht wurden, ist dem Unternehmen in einem Schweizer Gerichtsbeschluss 2023 eine Nachlassstundung bis zum 10. Juli 2023 gewährt worden. Das liegt daran, dass die Betriebskosten der Firma Gazprom bis jetzt noch gedeckt sind und es Aussichten auf Einigung mit Gläubigern oder eine Sanierung gibt.

Was bedeutet der Stopp von Nord Stream für Deutschland?

Gelbe Lupe

Die Gaslieferungen durch Nord Stream 1 wurden aufgrund eines Öllecks am 2. September 2022 gestoppt und seither nicht wieder aufgenommen. Ob Gas wieder durch Nord Stream 1 fließen wird, ist Stand März 2024 fraglich.

Damit Deutschland auch ohne Gaslieferungen von Nord Stream 1 gut durch den Winter bzw. die Heizperiode kommt, mussten die Gasspeicher genügend gefüllt sein. Mit einer Ministerverordnung zum 29. Juli wurden die im Gasspeichergesetz April 2022 ursprünglich angegebenen Füllstände erhöht, damit die Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet bleibt. Bisher konnten die geforderten Füllstände mehr als gewährleistet werden.

Gemäß Lagebericht der Bundesnetzagentur beträgt der Gesamtspeicherstand in Deutschland 71,34 %. Das heißt: Obwohl die Lage weiterhin angespannt bleibt und durch Nord Stream 1 kein Gas fließt, ist die Gasversorgung in Deutschland momentan stabil. Trotzdem meint Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck: Es sind fraglos schwierige Zeiten. Aber trotz der schwierigen Umstände kommen wir voran. Es gelingt, russisches Pipelinegas zu einem sehr großen Teil zu ersetzen. Gas kommt auf anderen Wegen zu uns.

Was gibt es für Alternativen zu Nord Stream 1 & 2?

Um Gas in der Stromversorgung zu sparen, sollen bis zum 31. März 2024 Gaskraftwerke im Notfall mit zusätzlichen Kohlekraftwerken auf Abruf bereitstehen. Ziel der Bundesregierung ist jedoch weiterhin, die Kohleverstromung bis 2030 zu beenden.

Alternativen zum Gas aus Nord Stream 1 bieten ebenfalls neue Energielieferanten. So ist Norwegen seit dem russischen Angriffskrieg in die Ukraine zum größten deutschen Gasimporteur geworden; der importierte Gasanteil hat im August rund 38,3 % ausgemacht. An zweiter Stelle folgen die Niederlande mit einem Anteil von rund 24,1 %. Sonstige Länder, die aufgrund der Vermaschung des europäischen Pipelinenetzes nicht eindeutig einzelnen Herkunftsländern zugeordnet werden können, machen rund 23 % der importierten Gasmenge aus.

(Quelle: Herkunft des in Deutschland verbrauchten Erdgases, Tagesschau, 2021)

Eine weitere Alternative zum Gas via Nord Stream 1 ist LNG, liquified natural gas – verflüssigtes Erdgas. Durch die Lieferung von LNG ließe sich etwa ein Drittel der russischen Gasmenge aus Nord Stream 1 ersetzen. Ländern, aus denen Deutschland LNG beziehen könnte, sind, unter anderen:

  • Katar
  • Australien
  • Algerien
  • Nigeria

LNG-Vertrag zwischen RWE und den USA Der Energiekonzern RWE hat in diesem Jahr einen Liefervertrag über jährlich 2,25 Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) mit Sempra Infrastructure in Texas (USA) unterzeichnet. Dieser Vertrag soll die Versorgung über 15 Jahre ab 2027 sicherstellen. Laut RWE ist dies ein weiterer Schritt in der Diversifizierung der Energieversorgung in Deutschland.

Das verflüssigte Erdgas könnte statt Nord Stream 1 zu Schiff zu Importterminals in der Niederlande und in Belgien transportiert werden und dann über das europäische Leitungsnetz nach Deutschland kommen. Deutschland selbst hat noch keine eigenen LNG-Terminals, aber mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz soll sich das schnell ändern.

Bereits am 4. Juli 2022 wurde mit dem Bau für ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven begonnen, welches bis zum Jahreswechsel 2022/2023 fertiggestellt werden soll. Dazu kommt ein zweites in Brunsbüttel und weitere sollen in Stade und Lubim folgen, um die LNG Infrastruktur in Deutschland zu erhöhen. Anbei ein Überblick der in Europa bereits bestehenden LNG-Terminale und der in Deutschland geplanten:

LNG Terminale in Europa

(Quelle: Eigene Darstellung, Stand März 2024)

Da LNG ein fossiles Gas ist, wird diese Alternative zu Gas aus Nord Stream 1 nur kurzfristig eine Rolle spielen, um der Gaskrise zu entweichen. Die Bundesregierung plant, dass die aufgebaute LNG-Infrastruktur in Zukunft auch für den grünen Energieträger Wasserstoff genutzt werden kann, um die Klimaziele zu erreichen.

Um die Energieversorgung Deutschlands von fossilen Energieimporten wie z. B. via Nord Stream 1 unabhängig zu machen, ist ebenfalls der Ausbau erneuerbarer Energien wichtig. Das sogenannte „Osterpaket“ der Bundesregierung, das am 7. Juli 2022 verabschiedet wurde, hat zum Ziel, den Ausbau zu beschleunigen und konsequent umzusetzen:

Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch auf mindestens 80 % steigen. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 lag der Bruttostromverbrauch bei 41,1 %, im ersten Halbjahr 2022 bei 48,5 % (Quelle: Stromerzeugung im 1. Halbjahr 2022: 17,2 % mehr Kohlestrom als im Vorjahreszeitraum, Destatis, 2022)

Was passiert, wenn Deutschland das Gas ausgeht?

Fast die Hälfte aller Wohnungen in Deutschland, gemäß BDEW Studie zum Heizungsmarkt konkret 48,2 % bzw. 19,6 Millionen Wohnungen, nutzen Erdgas als Energieträger. Sollte es also wirklich dazu kommen, dass es aufgrund Lieferstopps wie bei Nord Stream 1 in Deutschland kein Gas mehr gibt, müsste auf eine andere Heizungsmethode wie beispielsweise die Holzheizung oder die immer beliebter werdenden Heizlüfter bzw. Konvektorheizungen gewechselt werden.

Doch nicht nur in den Haushalten wäre es notwendig, den Energieträger auszutauschen: Mehr als ein Drittel des gesamten deutschen Erdgasverbrauchs geht auf die Industrie zurück. Somit waren nicht nur Privatpersonen, sondern auch Unternehmen von Lieferungen durch Nord Stream 1 abhängig. Laut einer Analyse des BDEW liegt das Einsparpotenzial jedoch nur bei relativ geringen 8 %. Um fehlendes Gas durch alternative Energieträger zu ersetzen, wären hier vor allem Investitionen in neue Technologien notwendig.

Eine möglicherweise einfachere Lösung, wenn Deutschland kein Gas durch Nord Stream 1 mehr erhalten kann und auch bestehende Importeure ans Ende ihrer Möglichkeiten gelangt sind, wäre es, neue Gaslieferanten zu besorgen. Gespräche werden dafür bereits mit den USA, Katar, Algerien und Israel geführt und mit Aserbaidschan wurde bereits verhandelt, dass seine Gasmengen um 50 % ausgeweitet werden.

Auch das Thema Solidarität spielt eine wichtige Rolle: EU-Länder sollen sich, wenn die Gasversorgung eng wird, untereinander helfen, anstatt sich abzuschotten. Dafür sollen bilaterale Solidaritätsabkommen abgeschlossen werden. Deutschland hat Stand März 2024 mit Österreich und Dänemark Vereinbarungen unterzeichnet und von Frankreich eine Absichtserklärung erhalten.